Wenn Isolation krank macht: Wie Eingliederungshilfe neue Teilhabe ermöglicht
Psychische Erkrankungen betreffen nicht nur Gedanken und Gefühle. Sie verändern häufig das gesamte soziale Leben eines Menschen. Besonders deutlich wird dies bei Menschen, die über längere Zeit in psychiatrischen Einrichtungen leben oder wiederholt stationär behandelt werden müssen.
Viele Betroffene geraten dabei in einen Kreislauf, den Fachleute als soziale Isolation und Chronifizierung psychischer Erkrankungen beschreiben. Vereinfacht bedeutet das: Je länger ein Mensch von seinem gewohnten sozialen Umfeld getrennt ist, desto schwieriger wird die Rückkehr in ein selbstbestimmtes Leben.
Isolation führt häufig dazu, dass soziale Fähigkeiten verloren gehen oder sich zurückentwickeln. Kontakte zu Freunden, Angehörigen und Nachbarn werden seltener. Gleichzeitig nehmen Ängste, Unsicherheiten und Verhaltensweisen zu, die von Außenstehenden als auffällig oder schwer verständlich wahrgenommen werden. Dies kann zu weiteren Ablehnungen und Rückzügen führen.
Psychologen sprechen hierbei teilweise von einem Teufelskreis der sozialen Exklusion: Menschen werden aufgrund ihrer Erkrankung isoliert, entwickeln durch die Isolation zusätzliche Probleme und werden dadurch noch stärker ausgegrenzt.
Auch herausfordernde Verhaltensweisen können sich in solchen Situationen verstärken. Aggressives Verhalten, verbale Ausbrüche, Misstrauen, starke Rückzugstendenzen oder mangelnde Impulskontrolle sind häufig nicht die Ursache der Isolation, sondern oft deren Folge. Die betroffenen Menschen verlieren zunehmend Möglichkeiten, soziale Erfahrungen zu machen, Konflikte zu üben und Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Bei einigen Menschen führt dies dazu, dass selbst enge Familienangehörige kaum noch Kontakt halten können. In einem von uns begleiteten Fall war die Situation so belastend geworden, dass eine Mutter ihren eigenen Sohn über längere Zeit kaum noch besuchen konnte. Die psychische Erkrankung und die daraus resultierenden Verhaltensauffälligkeiten hatten eine Situation geschaffen, in der sich beide Seiten zunehmend hilflos fühlten.
Genau an diesem Punkt setzt Eingliederungshilfe an.
Die Aufgabe besteht nicht darin, Menschen lediglich zu versorgen. Ziel ist vielmehr die Wiederherstellung von Teilhabe, Beziehung und sozialer Zugehörigkeit. Dies erfordert Zeit, Geduld, professionelle Begleitung und vor allem die Überzeugung, dass Entwicklung auch dann noch möglich ist, wenn andere bereits aufgegeben haben.
Die Sozial Bär GmbH begleitet Menschen, die häufig lange psychiatrische Vorgeschichten mitbringen und bei denen klassische Hilfesysteme an ihre Grenzen gestoßen sind. Dabei erleben wir immer wieder, dass selbst schwer belastete Menschen neue Stabilität entwickeln können, wenn sie ein echtes Zuhause, verlässliche Bezugspersonen und die Möglichkeit erhalten, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein.
In zwei Fällen konnten Menschen, die über längere Zeiträume psychiatrisch behandelt wurden und von erheblicher sozialer Isolation betroffen waren, in ein neues Wohn- und Unterstützungssetting wechseln. Schritt für Schritt entstanden wieder soziale Kontakte, Tagesstrukturen und persönliche Perspektiven. Angehörige konnten erneut in das Leben der Betroffenen eingebunden werden. Beziehungen, die zuvor durch Krankheit, Krisen und Distanz belastet waren, erhielten die Chance auf einen Neuanfang.
Diese Erfahrungen bestätigen eine zentrale Erkenntnis moderner Eingliederungshilfe: Nicht die Diagnose entscheidet über die Zukunft eines Menschen, sondern die Frage, welche Möglichkeiten zur Teilhabe ihm eröffnet werden.
Menschen mit psychischen Erkrankungen brauchen nicht nur Behandlung. Sie brauchen Beziehungen. Sie brauchen Zugehörigkeit. Und sie brauchen Orte, an denen sie nicht auf ihre Erkrankung reduziert werden.
Denn Isolation macht krank. Teilhabe schafft Entwicklung.
Autor: Heinrich Weimer
Psychologie (B.Sc.)
Heinrich Weimer begleitet seit über zehn Jahren Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen im Rahmen der Eingliederungshilfe. Sein Schwerpunkt liegt auf individuellen Wohn- und Teilhabekonzepten für Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf.